Gerhard Woitzik wird heute beerdigt

Dormagen. Heute wird Nievenheims Bürgermeister Gerhard Woitzik um 10 Uhr auf dem Friedhof der Niebelungen-Gemeinde beigesetzt. Sollte es einen katholischen Gott geben, dann wird der langjährige Bundesvorsitzende der Zentrumspartei subito in den Himmel fahren. Denn Gerhard war der Kirche treu. Er, der jahrelang gegen Abtreibung und Sterbehilfe gekämpft hat und die Familie als Wert sah, der CDU das „C“ aberkannte, weil diese Absplitterung des Zentrums kaum noch als christlich anzusehen sei, betete jeden Tag zu seinem Herrgott um eine bessere Welt. Gerhard Woitzik wollte allen Müttern ein monatliches staatliches Einkommen ermöglichen, damit sie sich vernünftig um die Kinder daheim kümmern können. Frau Merkel lehnte ab. Von der hielt er nichts.

Vizebürgermeister Woitzik, Bürgermeister Hilgers, Vizebürgermeister Sturm. Es war eine gute Zeit für Dormagen. Foto: Frank Möll

In vier Jahren wäre er 100 Jahre alt geworden und hätte gerne seine Endgegner Hans Sturm von der CDU überlebt, den er so herrlich nachmachen konnte. „Schüüüüützzzzennn, ihr seid gespannt wie ein Flitzeeeebogen, wenn ich ans Mikrofon trete“, parodierte er bei Schnaps im Ratskeller nach einer gewonnen Wahl. „Schützzzzeeeeen!“ Gerhard Woitzik war großzügig und der Wirt machte den Umsatz seines Lebens – Hans Sturm, fit wie immer, wurde am Todestag des großartigen Kommunalpolitikers von der Rheintoday-Redaktion über das Ableben des langjährigen Bundesvorsitzenden der Deutschen Zentrumspartei (die Partei von Reichskanzler Fehrenbach, Reichskanzler Wirth, Reichkanzler Marx, Reichskanzler Brüning, Erzberger, Kölns OB Konrad Adenauer, Hans Wingerath, Europaabgeordneter Jörg Meuthen) informiert. Eine Nachricht, die den Hackenbroicher General sichtlich traurig machte, denn der politische Kampf hat beide jung gehalten. Sie haben sich nichts geschenkt.

Einmal haben Gerhard Woitzik und ich Haarfärbezeug gekauft. Mein Schopf bekam einen Gelbstich und Gerhard Woitzik saß mit rosa Haaren im Stadtrat. Irgendwie hat der liebe Gott nicht gewollt, dass die Chemikalie bei uns wirkte. Er fühlte sich mit 80 noch jung, feierte seinen 95. Geburtstag nach Sitte der Flüchtlinge aus Siebenteichen: Stark wie eine deutsche Eiche.

Gerhard saß gerne bei uns im Pressehaus Stürzelberg und hat bitterlich geweint, als seine liebe Ehefrau erst ihr Bein verlor und dann doch gestorben war. Zum Trost tranken wir guten Brandy und meine Frau kochte ihm ein schmackhaftes Thai-Curry. Gerhard Woitzik hat im Himmel nicht nur eine Frau.

Alterspräsident Gerhard Woitzik vereidigte Bürgermeister Heinz Hilgers. Foto: Frank Möll

 

Der Instinkt-Politiker prägte Dormagen. Ohne ihn gäbe es keinen erfolgreichen Bürgermeister Heinz Hilgers, mit dem er die Gesamtschule, die Fußgängerzone, den Stadtbus, die Rathaus-Galerie und viele Bürgerhäuser kreierte. Vor etwa 50 Jahren kandidierte mein Vater für Woitziks Zentrumspartei, hatte aber keine Lust die Wahlkampf-Flyer und Spielzeuge (Knobelbecher mit drei Würfeln) herumzutragen. Die lagerten auf dem Dachboden. Jahre später hatten mein Bruder und ich das bunte Zeug in Rheinfeld in die Briefkästen geworfen. Aus einer Laune heraus. „Verdammt, ist denn schon wieder Wahl“, sagten die Nachbarn.

Bitter kämpfte Gerhard Woitzik gegen meine Veröffentlichungen, hatte etliche Gegendarstellungen und presserechtliche Verfahren losgetreten. Er hasste manche Artikel im „Schaufenster“. Ein Bier konnten wir aber immer trinken und seine guten Leistungen waren anerkennenswert. Zum Beispiel, dass er hunderten kinderreichen Familien zu preiswertem Wohneigentum verhalf. „Woitzik City“ auf dem Nievenheimer Feld entstand in vielfacher Ausführung. Eine Bezeichnung, die auf der Titelseite der Zeitung „Schaufenster“ zu lesen war und bis heute offiziell in Dokumenten genutzt wird. Ich hatte das Viertel einfach nach ihm benannt. Er hat außer Vernunft nie etwas angenommen und die dankbaren Ehepaaren mit ihren Fresskörben und teuren Weinen wieder nachhause geschickt. Auch jene Bürger, denen er in anderen Belangen helfen konnte. So wie der Vertreter eines guten Vater Staat es tut. Leider gibt es heute viele Verterter eines miesen, demotivierenden „Vater Staates“. Eine Gefahr für unsere Demokratie! „Wenn ihr mir danken wollt, dann wählt mich. Außer eurer Stimme nehme ich nichts an.“ Das taten sie dann auch- und die Zentrumsfraktion des Vizebürgermeisters Gerhard Woitzik wurde immer stärker, auch dank seines Sohnes Hajo, der das Vermächtnis seines Vaters segensreich weiterführt und heute noch im Stadtrat kräftig mitmischt.

Wer sagt, dass das Zentrum und Gerhard Woitzik „rechts“ sei, verkennt, dass Woitzik als „Zünglein an der Waage“ in Dormagen immer nur mit der SPD zusammen gearbeitet hat, obwohl SPD-Bürgermeister Heinz Hilgers das Zentrum gerne ein „Relikt aus der Zeit der Ermächtigungsgesetze“ genannt hat. Anders als die SPD hatte das Zentrum den frühen Hitler nicht als Verbrecher identifiziert, so der Vorwurf von Heinz Hilgers. Woitzik war damals fünf Jahre alt…

Bemerkenswert: Bürgermeister Heinz Hilgers war früher Messdiener, in der Jungen Union aktiv und heiratete die Pfarrjugendführerin, besuchte jeden Sonntag die Heilige Messe in St. Michael, saß vorne links vor dem Altar am Nebeneingang mit seiner Brunhilde, die „Püppi“ genannt wurde. Als Michael unterwegs war, mussten beide heiraten. Das war katholische Sitte. Heinz Hilgers war 18. Später war der heutige Kinderschutzpräsident ein hoher Bundeswehr-Offizier der Reserve und war der letzte Träger der städtischen (scharfen) Pistole, die er von seinem Vorgänger Eberhard Hücker (auch ein Reserveoffizier) übernommen hatte. Besonders links wirkt das alles nicht gerade. Hilgers hatte die Dienstwaffe dann zügig der Polizei übergeben und gestaltete von nun an mit Gerhard Woitzik unbewaffnet die Dormagener Politik.

Woitzik, nachdem ein Theaterstück benannt ist,  war als Bundesvorsitzender der Partei Adenauers zu jeder Bundestagswahl im Fernsehen zu sehen. Das Wahlgesetz gestattete der ältesten Partei Deutschlands einen Wahlwerbeauftritt vor den Hauptnachrichten.

Er war ein echter Typ. Einer, der sich um Dormagen verdient gemacht hat. Einer, der gerade heute auf gefährlicher See fehlt. So trinken wir seinen Lieblingsschnaps auf sein Wohl. Prosit, lieber Gerhard! Gut, dass Du hier bei uns warst.  

Frank Möll

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